2026
Werte- und Wirtschaftskongress mit dem Schwerpunkt Gesundheit in vielen Facetten
„Gesunde Erde – Gesunde Menschen – Gesunde Wirtschaft“ – das war das Motto des diesjährigen Oberurseler Werte- und Wirtschaftskongresses, den der fokus O. – Forum der Selbständigen Oberursel zum achten Mal veranstaltete. Einiges war neu und anders als bei den vorangegangenen Kongressen, doch in der Zielrichtung ist sich das Team, das den Kongress organisiert, treu geblieben: Eine Wirtschaft, die über mehrere Generationen hinweg sowohl die Umwelt als auch die Menschen einbezieht, ist die Herausforderung und die Chance. Dies wurde beim Werte- und Wirtschaftskongress 2026 unter neuen Prämissen deutlich.
Etwa 70 Menschen erlebten den Kongress in der Akademie Gesundes Leben in Oberursel-Oberstedten – einem wunderschönen Ort fast ohne rechte Winkel und mit einladender Architektur, den selbst viele Einheimische nicht kennen. Am Waldrand gelegen, mit Innenhof und Dachterrasse, Nischen und Rotunde und harmonisch gestaltetem Außenbereich mit viel Grün, bot er den perfekten Rahmen für die Veranstaltung.
Bürgermeisterin Antje Runge würdigte die Örtlichkeit ebenfalls spontan. Dort, wo Reformhaus-Fachkräfte aus ganz Deutschland ausgebildet werden und viele Seminare rund um das Thema Gesundheit stattfinden, erinnerte sie sich an das vegetarische Restaurant in Dresden, das ihre Großeltern im Geist der Reformbewegung vor etwa 100 Jahren führten. In ihrer Begrüßung hob sie die Notwendigkeit des Miteinanders von lokaler Wirtschaft und Gesellschaft hervor und erinnerte daran, dass Oberursel nun auch Tourismusstadt ist.
Für fokus O. und das Organisationsteam eröffnete Anke Berger-Schmitt den Kongress. Sie griff das Motto des Kongresses auf und stellte mit der Salutogenese ein Modell von Gesundheit vor, das diese umfassend und multimodal betrachtet. Der Schöpfer dieses Modells Aaron Antonovsky sage, Gesundheit entstehe dort, wo Menschen ihre Welt verstünden, wo sie erlebten, dass sie Dinge bewältigen könnten und wo sie spürten, dass ihr Tun Sinn habe. Der Werte- und Wirtschaftskongress, so Anke Berger-Schmitt, sei selbst ein Raum, in dem genau diese Faktoren gestärkt würden.
Die Orientierung an dem, was wirtschaftlich machbar und gesellschaftlich akzeptiert werde, sah der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, Klaus-Stefan Ruoff, als Prämisse; die IHK war Schirmherrin der Veranstaltung. Ruoff sieht die IHK als Brückenbauerin zwischen verschiedenen Interessen und mahnte an, der Weg zur Transformation der Wirtschaft erfordere enorme Anstrengungen und müsse technologieoffen sein.
Kai Völker vom Hessischen Rundfunk, der die Veranstaltung professionell moderierte, fand zur Eröffnung ein Zitat mit Handlungsempfehlung von Willy Brandt: „Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten.“ Dies passte auch zur ersten Speakerin Emily Volk von der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen, gegründet von Dr. Eckart von Hirschhausen, der dem Kongress eine Videobotschaft als Gruß geschickt hatte. Im Vortrag „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz“ zeigte Volk planetare Grenzen und damit auch menschliche Belastungsgrenzen auf und verdeutlichte diese Aussage mit dem drastischen Satz: „Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns!“ Dann nahm sie die Anwesenden mit auf eine Zeitreise. „Stellen Sie sich eine Ihnen nahestehende Person vor und gehen Sie gedanklich ins Jahr 2050. Was wünschen Sie dieser Person?“ Eine volle Minute verstrich sehr leise und hinterließ nachdenkliche Gesichter. Am Schluss stand noch ein Appell von Hirschhausens zum gemeinsamen Handeln: „Das Wichtigste, was ein Einzelner tun kann, ist: Kein Einzelner zu bleiben!“
Auch die nächste Sprecherin, Kerstin Erbe, war von Eckart von Hirschhausen gleich mit angekündigt worden. Die Geschäftsführerin Produktmanagement von dm-Drogerie markt sprach zum Thema „Gesunde Unternehmensführung über Generationen hinweg“. Der Gründer von dm, Götz Werner, hatte vor Jahren ebenfalls auf einem Werte- und Wirtschaftskongress in Oberursel gesprochen. 2019 übernahm sein Sohn Christoph die Unternehmensleitung und entwickelt es seitdem in seinem Sinne weiter. Erbe stellte das Konzept von dm vor, und betonte: „Natur hat noch immer keinen Preis.“ dm wünscht sich Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen zum Erhalt der Natur und spricht von „Zukunftsfähigkeit“ statt „Nachhaltigkeit“. Produkte und Verpackung bei dm seien möglichst umweltverträglich und auch in der Ausbildung gehe man neue Wege. „Alle Auszubildenden spielen einmal in ihrer Ausbildung Theater.“ Das erleichtere ihnen Perspektivwechsel und bringe sie in andere Handlungsmöglichkeiten.
Ist unser Finanzsystem fit für die Zukunft? Diese Frage wurde in der Impuls- und Panelrunde diskutiert. Silvie Kreibiehl, Präsidiumsvorsitzende von Gemanwatch, einer Umwelt- und Entwicklungsorganisation, überraschte das Publikum mit den Thesen: „Wir brauchen Regulierung. Und wir brauchen neben Mut auch Geduld!“ Eine andere Fehlerkultur, welche winzige Fehler nicht gleich an den Pranger stelle, forderte Kreibiehl ebenfalls, sonst werde es nichts mit der Deregulierung. „Nicht umsonst sind Nachhaltigkeitsberichte in Deutschland 25 Prozent länger als im Ausland.“ Eine Steilvorlage für Regina Karoline Schüller, deren Aufgabe es ist, Nachhaltigkeitsberichte vergleichbar zu machen. Auch sie steht zu sinnvoller Regulierung. Die Leiterin des Frankfurter Standorts des International Sustainability Standards Board machte deutlich, dass globale Standards in der Nachhaltigkeitsberichterstattung eine „harte Währung“ seien – denn genaue, transparente Angaben senkten die Risiken für Anleger und Investoren.
Der Dritte in der Panel-Runde, Philip Morgen, hat als Geschäftsführer der Vermögensberatung Morgen Invest vor allem den Durchblick seiner Kunden in der eigenen Vermögenswelt im Blick. Gegenspieler der Vermögenserhaltung und -mehrung sei die Inflation: „Wer sein Geld unterm Kopfkissen deponiert, hat schon verloren!“, so Morgen. Er sprach sich für Klarheit, strukturierte Vorsorge und einen abwägenden Umgang mit Geld aus – was vielen Menschen schwerfalle. Den Einwurf Silvie Kreibiehls, dass die Mehrung des Vermögens in einer nicht mehr lebenswerten Umwelt auch nichts mehr nütze, ließ Morgen gelten.
Als Spotlight angekündigt und als Highlight mit großem Applaus bedacht war der Vortrag von Effi B. Rolfs etwas Außergewöhnliches. Die Leiterin des Theaters „Die Schmiere“ in Frankfurt am Main erzählte in Worten, Bildern und einem Lied, wie ihr Vater und sie es schafften, ein Kabarett-Kellertheater 75 Jahre lang komplett unsubventioniert am Leben zu erhalten. Mit großem Unabhängigkeitswillen, einer guten Portion Eigensinn, Zähigkeit, Mut und der Fähigkeit, den Leuten so auf die Füße zu treten, dass sie darüber lachen müssen, existiert Die Schmiere somit über Generationen. Dass Effi B. Rolfs in der Corona-Zeit ausgerechnet damit überlebte, im Auftrag des Landes Hessen künstlerisch Tätige zu beraten, wie man mit sehr wenig Geld auskommt, zeigt, dass das echte Leben Realsatire birgt – und es zeigt die Resilienz und Chuzpe dieser Überlebenskünstlerin.
Im Barcamp-Format und damit ganz neu gestaltet war beim diesjährigen Werte- und Wirtschaftskongress der Nachmittag. Hier hatten Teilnehmende des Kongresses die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag im Rahmen des Kongress-Leitthemas als Session einzubringen und mit anderen zu diskutieren. Es ergaben sich sechs Sessions zu spannenden Themen. Darunter zum Beispiel eine zu dem Thema, was junge Menschen und Unternehmen voneinander erwarten oder eine andere zu den unsichtbaren Grundbedürfnissen gesunder Arbeit. Am Ende wurden die Ergebnisse für alle zusammengefasst – ein Spektrum an selbst erarbeiteten Themen, die teils erstaunliche Resultate brachten.
Die Gäste der Veranstaltung lobten in den Pausen und am Schluss den offenen Austausch und die Zugewandtheit untereinander, ebenso kam die Akademie Gesundes Leben als Veranstaltungsort sehr gut an. Das Organisationsteam fühlt sich ermutigt und motiviert, weiterzumachen und wertet nun die Rückmeldungen im Einzelnen aus.











